Manuels neues Leben
Juli 2025
Es freut mich sehr, als Mutter den Werdegang meines Sohnes Manuel mit euch teilen zu dürfen. Einige von euch haben ihn vielleicht noch in Erinnerung von einer Versammlung oder vom letzten Bericht, als Manuel noch zur Schule ging.
Nun ist Manuel ein junger Mann von 20 Jahren geworden, was auch für mich als Mutter sehr besonders ist.
Zur Einleitung ein wenig aus den Kindertagen meines Sohnes:
Wir wohnten bis 2023 in der Nachbarschaft eines Pferdezüchters. Daher waren um unser Haus keine Kühe, sondern Pferde. Da gab es ab und zu auch ein Fohlen.
Manuel war völlig fasziniert von diesen wunderbaren Wesen. Schon als er im Kindergarten war, sass er auf einem Pony. Die Freundin seiner Tagesmutter hatte zwei Ponys. Er war so stolz, als er das erste Mal im Sattel sitzen durfte.
In der Mittelstufe gab es therapeutisches Reiten alle zwei Wochen und Manuel liebte diese Stunden. Er durfte sogar jeweils Hufe auskratzen – eine grosse Aufgabe für einen kleinen Jungen.
Später, als Manuel etwa 12 Jahre alt war, musste er, weil ich gesundheitlich angeschlagen war, eine Zeit in einem Heim verbringen und dies war eine schwierige Zeit für uns beide. Er hatte viel Heimweh, doch ich war erleichtert, dass ich die Verantwortung einmal abgeben konnte.Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, nicht mit meinem Sohn zusammen sein zu können. Zum Glück konnte er während dieser Zeit in seine geliebte Schule, wo seine Freunde und Lehrer ihn gut unterstützten.
Im Heim gab es ein Angebot, im Stall auszuhelfen. Dort gab es, welch Wunder, ein Pferd. Das hat Manuel sehr gerne betreut und er ging freiwillig zwei Mal pro Woche in den Stall zum ausmisten, das Pferd füttern und liebhaben.
Nachdem es mir wieder besser ging, kam mein Sohn endlich wieder nach Hause. Die Zeit im Heim war, trotz allem, wichtig. Denn wir haben dabei festgestellt, dass so ein grosser Betrieb für Manuel nicht geeignet ist.
In der Oberstufe, als das Testosteron langsam anstieg und die Zeit vor dem Computer auch, dachte ich, es wäre eine gute Idee, dem Jungen etwas mit Pferdearbeit anbieten zu können.
Ich habe mit seinem Lehrer gesprochen und wieder hat es sich ergeben, dass die Frau des Lehrers auf einem Pferdehof gearbeitet hat. Dort wurden wir vorstellig und Manuel durfte von November 2019 bis zu seinem Schulaustritt im Juli 2024 jeden Mittwochnachmittag auf dem Hof mithelfen. In den Herbstferien gab es jeweils auch ein Reitlager. Das war der Höhepunkt des Jahres.
Im Herbst jeden Jahres gibt es in der heilpädagogischen Schule einen Infoabend mit der IV-Berufsberaterin. Im Herbst 2022 wurden Möglichkeiten aufgezeigt, wie jeder Jugendliche einen passenden Arbeitsplatz erhalten kann.
Nach dem Abend habe ich bei der Berufsberaterin einen Termin abgemacht, um über eine Möglichkeit für Manuels Berufsleben zu sprechen. Dabei ging es mir vor allem darum, dass er in einer möglichst familiären Institution etwas mit Pferden arbeiten könnte.
In der Ostschweiz gibt es zwei IV-anerkannte Pferdehöfe und auf dem einen hat Manuel dann erst einen Tag und am anderen Ort gleich eine Woche geschnuppert.
Die Nacht vor der Schnupperwoche war ganz schlimm. Mein Bub hat gespürt, dass sich sein Leben verändert. Natürlich haben wir viel darüber gesprochen und er hat sich auch auf die Schnupperwoche gefreut. Doch in der Nacht war da viel Angst vor der Zukunft.
Die erste Schnupperwoche im Dezember 2023 war für Manuel dann doch ein gutes Erlebnis. Er meinte beim Schlussgespräch, er würde das gerne machen, aber er müsse erst noch etwas anderes probieren. Wir, die IV-Beraterin, die Heimleitung, die Ausbildnerin, die Beiständin, der Lehrer und ich waren ziemlich sprachlos.
Wir haben eine zweit Schnupperwoche im Mai 2024 abgemacht. Obschon er im Vorfeld wieder Angst hatte, war die Woche, wie beim ersten Mal, eine gute Erfahrung. Er durfte schon sein zukünftiges Zimmer bewohnen, welches ganz einfach eingerichtet war.
Dann, am Schluss der Woche, war er ganz aufgestellt und hat sich entschieden auf dem Hof zu arbeiten. Da kam noch eine ganz grosse Überraschung: Er kann eine Insos-Praktikerausbildung Pferdewart machen- etwas womit wir niemals gerrechnet hätten.
Ab Juni durften wir den Schlüssel zum neuen Zimmer haben. So konnten wir schon anfangen, Möbel und Einrichtungsgegenstände zu kaufen und einzurichten. Manuel hat sich sein Bett ausgewählt und die Schrankfarbe bestimmt, sein Bettzeug gekauft und nach und nach haben wir die Sachen ins neue Zuhause gebracht.
An einem Tag im Juli ist der Zügelwagen gekommen und hat bei uns zu Hause und im Möbelgeschäft die bestellten Sachen abgeholt und in das Wohngruppenzimmer gebracht und aufgestellt.
Im August sollte der junge Mann nun eintreten in sein neues Leben. Er war sehr nervös und wir haben viel geredet im Bett und Hände gehalten. Er glaubte, er könne jetzt nie mehr nach Hause kommen. Da war so viel Unsicherheit, was jetzt mit ihm passiert.
Am ersten Arbeitstag wurde er ganz herzlich empfangen, aber er wollte eigentlich gleich wieder mit mir nach Hause. Zum Glück war eine ehemalige Schulbuskollegin an dem Tag beim Empfangskomitee dabei und hat sich rührend um Manuel gekümmert.
Irgendwann musste ich mich verabschieden. Es ist mir sehr schwer gefallen,
Manuel in seiner Unsicherheit zurückzulassen. Und ja, ich habe auf dem Heimweg geweint.
Mein Sohn, den ich so lange bei mir gehabt habe, mit dem ich so viele interessante Gespräche hatte und mit dem ich so viel gelacht habe, war in einen neuen Lebensabschnitt gestartet. Ich fühlte einen schrecklichen Herzschmerz.
Die erste Woche haben wir jeden Tag telefoniert. In der Zweiten noch jeden zweiten Tag.
Nachdem er seine persönliche Bezugsperson ausgewählt hatte, wurde es besser und wir haben dann abgemacht, dass wir uns nur noch am Donnerstag anrufen. Das hat auch gut geklappt und mittlerweile ruft er auch nicht mehr jede Woche an.
Das Heimweh hat nie wirklich aufgehört. Manuel ist ein Familienmensch. Seine Lieben möchte er gerne bei sich haben. Er freut sich jeweils sehr auf die Wochenenden bei mir oder seinem Vater.
Seine Schwestern schauen auch gerne beim Vater oder mir vorbei, wenn Manuel da ist. Darüber freut er sich immer ganz besonders.
Wie es mir dabei geht? Ich bin so froh und dankbar, dass Manuel die Arbeit tun kann, die ihm Freude macht. Am Anfang war ich wirklich mit viel Heimweh beschäftigt. Fast könnte man sagen, es war wie Liebeskummer. Über die Monate hat sich das beruhigt, weil ich spüre und sehe, dass es meinem Sohn gut geht und er sehr grosse Fortschritte gemacht hat.
Ich habe mich in die neue Situation eingefunden und kann seit einigen Wochen meine neue Freiheit geniessen.
Gerade war ich eine Woche mit meiner mittleren Tochter in den Ferien. Das war so richtig schön.
Jetzt schauen wir, wie es weitergeht. Das erste Ausbildungsjahr hat er schon fast fertig und in die Schule geht er natürlich auch. Einen halben Tag. Und zwar mit dem Postauto nach St.Gallen und wieder zurück nach Grub AR. Ich bin total stolz auf meinen wunderbaren Sohn.
Das Interview mit Claudia findest du unter folgendem Link:
