Noam ist ein Kind, das mit ihrer guten Laune alle beschenkt

Juni 2026

«Ich werde mit Noam im Neuenburgersee schwimmen». Das habe ich mir selbst beim Schwimmen im Neuenburgersee versprochen. Noam war damals, Ende Juni 2017, sechs Wochen alt. Sie lag nach einer Darmoperation (Morbus Hirschsprung) mit einigen Komplikationen noch im Inselspital Bern. Ich habe es ihr dann beim nächsten Besuch gesagt, und es schien mir, als hätte sie mir zugezwinkert.

Von Margot Christen

Heute ist Noam fast neun Jahre alt und ich bin schon einige Male mit ihr im Neuenburgersee schwimmen gegangen und jedes Jahr brauchte sie weniger Schwimmhilfen. Letzten Sommer war sie mit ihrer Kinderschwimmweste und einem Schwimmring so lange im See, dass sie auch mit blauen Lippen nicht an Land kommen wollte. Seit sie letzten Sommer die erste Klasse in der Regelschule besucht, geht Noam jeden Freitagmorgen mit ihrer Klasse ins Hallenbad. Sie geniesst die Unterstützung ihrer Heilpädagogin und erzählt jedes Mal stolz, was sie gemacht hat.

Apropos erzählen: Wenn Noam erzählt, muss man gut und aufmerksam zuhören. Sie kann manchmal etwas aus der Welt, in der sie gerade ist, sehr intensiv berichten, und da ist es nicht immer ganz leicht, den Zusammenhang herzustellen. Wenn man sie nicht versteht, kann sie sehr hartnäckig x-mal wiederholen, was sie meint – oft mit den gleichen Worten. Dabei wird sie jedoch selten verärgert oder gar beleidigt. Übrigens: Ihre kleinen Geschwister sind zuverlässige Übersetzer. Sie verstehen ihre Sprache fast am besten. Eine Sonntagschulleiterin sagte mir einmal, sie sei sehr froh um Noams Geschwister – sie wissen praktisch immer, was sie sagen wolle. Dazu kommt mir eine kleine Episode in den Sinn. Alle drei Grosskinder waren bei uns zum Übernachten. Wir bauten eine Hütte aus Tüchern, genossen darin einen kleinen Apéro mit feinem Getränk und Popcorn, und ich begann, eine erfundene Geschichte zu erzählen. Dann erzählte Noams Bruder – damals knapp fünfjährig – eine eigene Geschichte. Und danach war Noam an der Reihe. Sie erzählte so enthusiastisch und voller Hingabe. Ohne es zu merken, übersetzte ihr kleiner Bruder simultan, was sie sagte.

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie sehr Noam von Menschen umgeben ist, die bereit sind, sich auf ihre Art einzulassen. Besonders stolz bin ich auf meine Tochter und meinen Schwiegersohn, wenn ich beobachte, wie sie meist voller Hingabe, Liebe und Geduld mit ihr umgehen. Sie ringen immer wieder um Klarheit, was kurz- und längerfristig das Beste für ihre Tochter ist, und binden all das bewundernswert in den gesamten Familienalltag ein. Dann sind da noch viele kleine und grosse Menschen: Familien, Freunde und – nicht zu vergessen – professionelle Unterstützerinnen und Unterstützer. Sie sprechen Noams Sprache nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Vielleicht ist dies eines der grössten Geschenke, die sie in unsere Familie bringt: Sie bringt uns dazu, langsamer zu werden, genauer hinzuhören, geduldiger zu sein. Und wenn wir einmal nicht geduldig sind, ist Noam nicht lange beleidigt und sagt vergebungsbereit «alles guet» und lächelt.

Was leicht vergessen geht: Noam ist nicht in erster Linie ein Kind, das Unterstützung braucht. Sie ist ein fröhliches, zugewandtes Kind mit einer ansteckenden Lebenslust, die überall gute Laune verbreitet. Und genau damit beschenkt sie andere, sei es in der Schule, in der Nachbarschaft, in der Familie – oder beim Einkaufen. Sie hat eine so fröhliche Ausstrahlung und begegnet Menschen mit einer Selbstverständlichkeit, die berührt. Wer ihr begegnet, wird gesehen – manchmal mit einem scheuen Lächeln, manchmal mit einer Direktheit, die keine Umwege kennt. Vielleicht ist es diese Mischung aus Offenheit, Güte und Beharrlichkeit, mit der sie Menschen in ihren Bann zieht.

Und doch gehört zu all dem auch etwas anderes. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich mir so viele Sorgen um einen Menschen gemacht wie um Noam. Ihr Weg war von Anfang an nicht selbstverständlich, und es gab Zeiten, in denen mir das Herz schwer wurde – aus Angst, aus Ohnmacht, aus dem Wunsch heraus, sie möge es leichter haben. Und gleichzeitig habe ich noch nie so viel Liebe auf eine so spezielle Art bekommen.
Als Grossmutter habe ich lernen müssen, meine Erwartungen immer wieder loszulassen. Nicht weil ich weniger hoffe, sondern weil ich anders hoffe. Entwicklung misst sich bei Noam selten an Tempo. Sie zeigt sich vielmehr in kleinen Verschiebungen: ein Satz, der etwas klarer wird, ein Schritt mehr Selbständigkeit, ein Hilfsmittel weniger – sei es im Wasser oder an Land. Während ihre Geschwister und andere Kinder scheinbar mühelos davonschwimmen oder rennen, bleibt Noam manchmal stehen, schaut, probiert, wiederholt. Und bleibt dabei erstaunlich gelassen.

Wenn ich mit ihr in meinem geliebten Neuenburgersee schwimme, spüre ich dieses Vertrauen besonders stark. Sie hält sich fest, lässt los, dreht sich lachend im Kreis, greift wieder zu. Sie weiss, dass jemand in ihrer Nähe ist. Manchmal denke ich an den Satz zurück, den ich mir damals im See zaghaft gesagt habe. Er war mehr als ein Versprechen. Er war eine Hoffnung. Heute weiss ich: Wir schwimmen nicht nur im Wasser nebeneinanderher. Wir lernen gemeinsam, uns treiben zu lassen – und darauf zu vertrauen, dass auch langsames Vorwärtskommen ein Ankommen ist.

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