Eine Verbindung, die bleibt

Juni 2026

Von Tamara Lange

Vor ziemlich genau einem Jahr durfte ich Doreen kennenlernen. Der Kontakt entstand über eine Mama, die ich bereits begleiten durfte. Sie wusste, dass Doreen die Diagnose Trisomie 21 für ihr Baby bekommen hatte – und stellte den Kontakt zwischen uns her. Fast zeitgleich meldete sich Doreen auch selbst über unsere Hotline. Und so begann unsere gemeinsame Reise.

Diese Begleitung war intensiv. Doreen ist ein unglaublich liebevoller, herzensguter Mensch. Gleichzeitig bringt ihr ausgeprägtes ADHS eine besondere Dynamik mit sich, die sie manchmal schwer greifbar macht. Ihre Gefühle schwankten stark. Die Schwangerschaft war nicht geplant und es war ein ständiges Auf und Ab zwischen „Ich schaffe das nicht, ich breche die Schwangerschaft ab“ und „Ich möchte mein Kind behalten“. Auch ihr Partner Tobi konnte sich zunächst keine Zukunft mit seinem Kind vorstellen.
Zweifel, Angst, Druck – all das war da. Und manchmal stand sogar eine Trennung im Raum. Gleichzeitig waren viele Fachpersonen und auch Behörden involviert. Und leider musste Doreen dabei auch erleben, dass ihr nicht immer Mut gemacht wurde. Dass viele Zweifel von aussen kamen. Dass man ihr teilweise nicht zugetraut hat, diesen Weg mit ihrem Kind zu gehen.

Ich durfte in dieser Zeit eine immer wichtigere Bezugsperson für sie werden. Ich durfte ihr Mut zusprechen, sie immer wieder daran erinnern, dass die Liebe zu ihrem Mädchen im Bauch das Wichtigste ist, sie daran erinnern, dass es Unterstützung gibt, dass sie diesen Weg nicht alleine gehen muss und dass es immer einen Weg gibt – gemeinsam mit ihrem Kind.

Dann kam dieser Tag im Mai. Wir trafen uns im Zoo Zürich. Ich war mit meinen drei Kindern dort und ich möchte ehrlich sein: Es war kein einfacher Gang für mich. Da waren so viele Gefühle gleichzeitig. Und trotzdem war da diese klare innere Gewissheit: «Jetzt einfach für diese Frau da zu sein, das ist das Wichtigste.»

Wir gingen gemeinsam durch den Zoo, sprachen, lachten und Doreen spielte mit den Kindern. Ich werde nie vergessen, wie sie Hand in Hand mit meiner Aliyah durch den Zoo lief. In diesem Moment lag so viel Wärme in der Luft. So viel Leben.

Sie sagte mir an diesem Tag, dass sie sich bald entscheiden müsse.

Wir blieben in engem Kontakt, tauschten uns aus und telefonierten oft miteinander. Und dann kam die Nachricht.

Sie hatte sich entschieden. Für ihr Kind.

Sie sagte mir: „Ich gehe diesen Weg mit meinem Mädchen. Trotz aller Schwierigkeiten in meinem Leben und auch wenn ich ihn alleine gehen muss“

Ich kann diesen Moment kaum in Worte fassen. Es war Freude. Es waren Tränen. Es war tiefe Dankbarkeit. Alles zugleich. Einfach überwältigend.
Und dann kam der Tag der Geburt.

Ihre kleine Tochter Ronja kam zur Welt.

Der Start war etwas holprig – sie musste zunächst in ein anderes Spital verlegt werden. Ich besuchte Doreen nach der Geburt im Spital. Ich kenne dieses schwere Gefühl aus eigener Erfahrung, wenn man sein Kind nicht sofort bei sich haben kann. Und genau deshalb war es mir wichtig, in diesem Moment an ihrer Seite zu stehen.

Und dann kam dieser ganz besondere Augenblick.

Wir durften Ronja in den Frühlingsferien kennenlernen:

Da war sie. Dieses kleine wunderschöne Mädchen.
Ich durfte sie in den Armen halten.
Dieses Wunder. Diese stille Kraft. Es war unbeschreiblich.

Und ihre Eltern – so voller Liebe, so voller Stolz. Sie haben sie mit Blicken und Küssen überschüttet, sich über jedes kleine Zeichen gefreut. Jedes Lächeln. Jeder Blick. Und sie haben gestrahlt.

Ronja darf mit ihrem Leben und ihrer Freude diese Welt bereichern. Und wenn man ihre Eltern sieht, spürt man ganz tief: Liebe ist das stärkste auf der Welt und kann die Angst und alle Zweifel besiegen.

Aus unserem gemeinsamen Weg ist eine Freundschaft entstanden und eine Verbindung, die bleibt.